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 «Das Schauspielhandwerk hilft mir in der Pflege sehr»
Text und Interview: Regula Elsener Steinmann Fotos: Adriana Tripa (links), Sava Hlavacek (rechts)
Diese Nachricht hat überrascht: Kom- plett abseits des Rampenlichts ab- solvierte Sabina Schneebeli 2019 eine Ausbildung zur Pflegehelferin. Ihre Lei- denschaft für die Schauspielerei ist aber ungebrochen.
Kürzlich habe sie eine grosse Kartonschach- tel hervorgeholt und Zeitungsartikel sor- tiert, erzählt sie im Gespräch mit «BEST OF Kanton Zürich». Da war sie wohl eine Weile beschäftigt. Denn über Sabina Schneebeli wurde viel geschrieben, gehört sie doch seit 30 Jahren zu den bekanntesten Schauspie- lerinnen der Schweiz. Als hartnäckige Tou- rismuschefin in der Serie «Die Direktorin» er- oberte sie 1994 über Nacht die Herzen des Publikums. Es folgten Rollen in Filmen und Serien wie «Ernstfall in Havanna», «Lüthi und Blanc», «Tag und Nacht», «Tatort» oder «Wil- der». Aber zurück zu den Artikeln im Kar- ton: Einen Grossteil hat sie entsorgt. «Man muss auch mal loslassen können.» Sie sagt es ganz ohne Wehmut. Denn vieles, was sie sich als junge Frau erträumte, hat sie er- reicht – «oder zumindest daran gekratzt».
Eigentlich ist Ihr Beruf ziemlich brutal: Mal wird man gehypt, dann verschwin- det man wieder, und wenn man Glück hat, kommt der Hype mit der nächsten grossen Rolle zurück. Wie gehen Sie da- mit um?
Der Begriff «brutal» beschreibt dieses Auf und Ab ziemlich gut. Es gibt tatsächlich keine Sicherheit, keine Kontinuität. Nach jedem Engagement bist du quasi wieder arbeitslos. Viele Schauspielerinnen und Schauspieler hadern stark damit. Auch für mich war das belastend, besonders zu Be- ginn meiner Karriere. Mit den Jahren konnte ich aber eine Art innere Gelassenheit entwi- ckeln. Und natürlich half mir, dass ich dank meiner Familie daneben noch ein ganz an- deres Leben führte.
Ihre Söhne sind inzwischen erwach- sen. Während deren Kindheit muss der Spagat zwischen Scheinwerferlicht und Spielplatz riesig gewesen sein ... Allerdings, egal ob ein langer Drehtag hinter mir lag: Zu Hause kippte ich den Schalter
um und war einfach Mami. Ich kochte, half bei den Hausaufga- ben etc. Das gab mir gleichzeitig aber auch sehr viel Stabilität. Meine Jungs hielten mich stets auf dem Boden.
Vor zwei Jahren
schlugen Sie einen
neuen Weg ein und
arbeiten nun Teilzeit
in einem Altersheim
in Männedorf. Spon-
tan würde ich sagen:
Schauspielerei und
Pflege sind total ver-
schiedene Welten. Täuscht der Eindruck? Ja und nein. Nebst eines natürlich komplett anderen Arbeitsumfeldes, sehe ich durch- aus auch Parallelen: Als Schauspielerin muss ich mich intensiv in eine Figur hinein- versetzen. Was ist das für ein Mensch? Was beschäftigt ihn? Wie ist seine Biografie? In der Pflege ist es ähnlich: Besonders bei Menschen mit Demenz braucht es Finger- spitzengefühl und Empathie. Das jahrzehn- telange Schauspielhandwerk hilft mir in der Pflege daher sehr. Ich kann mich gut in die Menschen einfühlen, die mir anvertraut sind.
Gab es so etwas wie ein Schlüsselerlebnis?
Nein, der Wunsch schlummerte schon län- ger in mir. Und auch nach bald zwei Jahren bereue ich diesen Schritt nicht. Wenngleich ich abends jeweils «kaputt» bin, denn auch körperlich ist der Beruf sehr anstrengend. Aber der Kontakt zu den Bewohnerinnen und Bewohnern im Heim ist unbeschreiblich wertvoll und bereichernd. Ich unterstütze sie in ihrem Alltag, höre ihnen zu, rede und lache mit ihnen, gebe Beistand – und lerne jeden Tag viel Neues dazu.
Aus Ihren Worten hört man sehr viel Freude und Überzeugung heraus. Dem- nach liegt der Fokus momentan klar auf der Pflege?
Ja, aber ich könnte die Arbeit im Heim je- derzeit für eine Weile unterbrechen. Denn meine Leidenschaft für die Schauspielerei
 Barbara Terpoorten, Mike Müller und Sabina Schneebeli (v.l.) 2017 in «Der Bestatter».
ist nach wie vor vorhanden! Es gab in den letzten Monaten auch ein paar Anfragen, aber bisher waren keine Drehbücher und Rollen dabei, die mich wirklich berührten. Das ist mir wichtiger, denn je. Ich muss nicht mehr um jeden Preis vor einer Kamera oder auf der Bühne stehen. Ein Engagement muss «stimmig» sein. Ich bin bald 60, meine Wertvorstellungen und Prioritäten haben sich verändert.
Was ist Ihnen heute wichtig?
(Überlegt einen Moment.) Ruhe zum Bei- spiel. Gerade in Zeiten wie diesen habe ich vermehrt das Bedürfnis nach Rückzug und konzentriere mich bewusst auf die kleinen, aber dafür umso wichtigeren Dinge im Le- ben. Ganz besonders auf mein Umfeld, die Familie und Freunde. Am liebsten würde ich all meine Schäfchen ständig um mich scharen.
Oh, und wie finden das Ihre Söhne?
(Lacht.) Sie kennen mich und wissen, dass ich sie selbstverständlich ziehen lasse und tatkräftig unterstütze bei Ihren Vorhaben und Visionen. Das bisschen «Gluggeren- Dasein» verzeihen sie mir!
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